Wie alles begann
Karin Jordan, eine ganz persönliche Geschichte
Man erzählt sich in meiner Familie, dass ich schon als kleines Kind Tanten, die ich eigentlich sehr mochte, schreiend ablehnte, sobald sie schrille, bunte Kleidung trugen. Später als Jugendliche schnitt ich mir die Hosen an den Vorderseiten der Oberschenkel auf, weil ich das Gefühl hatte, mein vorwärtsdrängendes Wesen brauche mehr Bewegungsfreiheit. Und Anoraks aus Polyester brachten mit ihren Geräuschen mein Nervensystem völlig aus dem Gleichgewicht.
Damals wusste ich nicht, warum Kleidung eine so starke Wirkung auf mich hatte. Ich wusste nur, dass sie sich entweder richtig oder falsch anfühlen konnte.
Unbewusst begann ich, mir mit Kleidung eine Art Wohnung zu bauen. Einen Ort, an dem ich ankommen konnte. Einen Raum, von dem aus ich der Welt begegnen wollte.
Heute weiß ich: Kleidung kann beruhigen oder Stress auslösen. Sie ist unsere zweite Haut. Sie begleitet jede Bewegung, jede Berührung und jede Begegnung. Deshalb beginnt Orientierung für mich nicht im Spiegel, sondern im eigenen Empfinden.
Diese Erfahrung wollte ich verstehen.
Ich lernte das Maßschneiderhandwerk von Grund auf. Zunächst am Städtischen Theater Leipzig, später beim Verlag für die Frau, wo ich unter anderem die Modestrecken der legendären Sibylle handwerklich umsetzen durfte. Anschließend vertiefte ich mein Wissen im Studium der Angewandten Kunst an der Fachhochschule Schneeberg und der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Handwerk, Gestaltung und künstlerisches Denken wurden zu einer gemeinsamen Sprache.
Doch je mehr ich über Kleidung lernte, desto deutlicher wurde mir, dass sie weit mehr ist als ein gut gearbeitetes Produkt. Kleidung erzählt von unserer Kultur, unseren Rollenbildern und davon, wie wir gelernt haben, uns selbst wahrzunehmen. Viele Frauen orientieren sich bis heute stärker an äußeren Erwartungen als an ihrem eigenen Körpergefühl. Schmerzende Schuhe werden hingenommen, einengende Kleidung kaum hinterfragt. Der Blick richtet sich nach außen; auf Wirkung, Zugehörigkeit oder vermeintliche Ideale und man verliert dabei leicht den Kontakt zum eigenen Empfinden.
Mit dem Fall der Mauer kam für mich eine weitere prägende Erfahrung hinzu.
Nach zehn Jahren Ausbildung und Studium musste ich mich in einem völlig neuen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen System orientieren. Ich durfte zwei Welten erleben, die Mangelwirtschaft der DDR und die Überflussgesellschaft des Westens. Beide haben mir Freiheiten und Grenzen gezeigt. Diese Erfahrung hat mein Verständnis von Qualität nachhaltig geprägt.
Ich begann zu erkennen, dass wirkliche Qualität nicht allein in Material oder Verarbeitung liegt. Sie entsteht dort, wo Handwerk, Zeit, Haltung und der Respekt vor dem Menschen zusammenkommen.
Aus dieser Überzeugung heraus gründete ich vor mehr als dreißig Jahren mein eigenes Atelier.
Nicht nur, um Mode zu entwerfen. Sondern um Frauen einen Ort zu bieten, an dem sie sich nicht an Trends orientieren müssen, sondern an sich selbst orientieren können.
Seitdem durfte ich Tausende Frauen auf ihrem persönlichen Weg begleiten. Immer wieder erlebe ich denselben Moment: Eine Frau zieht ein Kleidungsstück an, das wirklich zu ihr passt. Sie richtet sich auf. Sie atmet tiefer. Sie wirkt ruhiger, klarer und selbstverständlicher.
Diese Augenblicke berühren mich bis heute.
Sie bestärken mich in der Überzeugung, dass Kleidung weit mehr ist als Oberfläche. Sie beeinflusst unser Erleben, unsere Ausstrahlung und oft auch den Mut, mit dem wir unseren Platz im Leben einnehmen.
Deshalb verstehe ich mein Atelier nicht nur als Ort für gutes Design und sorgfältiges Handwerk. Es ist ein Raum, in dem Kleidung zu einem Werkzeug werden kann, für Wahrnehmung, Selbstverständnis und innere Klarheit.
Ich wünsche mir, dass wir lernen, Kleidung als etwas zu begreifen, das uns dient. Nicht als Maske, nicht als Anpassung und nicht als Statussymbol, sondern als etwas, in dem wir wohnen können.
Denn wenn wir uns in unserer Kleidung wirklich zu Hause fühlen, entsteht oft etwas, das weit über Kleidung hinausreicht: ein natürliches Selbstverständnis. Und vielleicht beginnt genau dort ein respektvollerer Umgang mit uns selbst und miteinander.